Die Elefantenkuh, die wir Ajali genannt haben, wurde das erste Mal am 2. November beobachtet, nachdem sie auf der Schnellstraße nach Mombasa von einem Auto angefahren worden war. Vermutlich ist das in der Nacht passiert, als ihre Herde die Straße überquerte, um zur anderen Seite des Parks zu gelangen. Das Unglück geschah in der Nähe der Tsavo-Brücke, wo es einen Durchgang für Elefanten in der neuen Bahnstrecke gibt. Bei dieser Überquerung, die wohl sehr dramatisch ablief, muss sie angefahren worden sein und dabei leider ihre Herde verloren haben.
Zwischen den Nationalparks Tsavo East und Tsavo West liegt ein Schutzgebiet auf dem Gelände einiger benachbarter Farmen, dessen Wasserloch täglich von wilden Herden bestehend aus über 200 Elefanten besucht wird, die kommen und gehen. Eine bestimmte Herde verließ das Wasserloch aber nie, wie am späten Nachmittag des 12. Oktober festgestellt wurde. Die Manager des Schutzgebietes bemerkten, dass eine der Kühe immer wieder dicht an den Zaun herankam und irgendwie traurig aussah, gerade so als ob sie um Hilfe bitten würde. Sie spürten, dass etwas nicht stimmte und schauten sie sich etwas genauer an. Dabei entdeckten sie ein Objekt, das aus ihrer Seite ragte. Sofort wurde das vom DSWT finanzierte mobile Tierarzt-Team gerufen, doch da es schon fast dunkel war, wurde beschlossen, am nächsten Tag zu handeln.
Das Anti-Wilderei-Team des Schutzgebietes war früh am Morgen auf den Beinen, um den Spuren der Herde zu folgen. Sie gingen ihnen durch den Busch hinterher bis zurück zum Wasserloch, wohin die Kuh inzwischen mit ihrer Herde zurückgekehrt war. Sie wollten wegen der großen Hitze dort saufen, und nun stand sie erneut nachdenklich am Zaun herum. Als das Tierarzt-Team vor Ort war, stellten sie mit Erstaunen fest, dass es sich bei der Kuh um Ex-Waise Emily und bei der Herde um die Ex-Waisen handelte!
Ex-Waise Thoma kam am 11. August 2001 zu uns und war zu dieser Zeit erst wenige Monate alt. Sie gehörte zu einer kleinen Population von geflohenen Elefanten, die in einem kleinen Waldgebiet an den Thompson-Fällen (heute bekannt als Nyahururu) vor der menschlichen Bevölkerung Schutz gesucht hatte, die um sie herum siedelten und Landwirtschaft betrieben. Immer wenn sie aus dem Wald kamen – üblicherweise nur im Schutz der Dunkelheit – gerieten sie mit den Menschen in Konflikt, und dabei sind die Elefanten immer die Verlierer! Thomas erste Wochen waren schwer, und wir mussten lange und hart daran arbeiten, sie zu retten. Sie war sowohl körperlich als auch mental in einem besorgniserregenden Zustand. Ihre Kindheit verbrachte sie im Waisenhaus des DSWT im Nairobi Nationalpark. Dank der Liebe und Fürsorge, die sie in diesen entscheidenden frühen Jahren erhielt, erholte sie sich schließlich und konnte bald den Weg in die Auswilderung antreten, mit dem Ziel, irgendwann wieder ein normales Leben in Freiheit führen zu können. In unserer Auswilderungsstation in Voi im Tsavo East Nationalpark wurde sie Teil der Herde von Leitkuh Emily.
Schließlich vollendete sie den Auswilderungsprozess, der viele Jahre dauert, denn Elefanten altern in ähnlicher Geschwindigkeit wie Menschen. Sie lebt nun in Emilys Ex-Waisen-Herde, die zwischen Tsavo und den angrenzenden Gebieten umherwandert, wie es soviele wilde Elefantenherden seit Jahrtausenden tun, wenn es während der Trockenzeit außerhalb des Parks mehr zu fressen gibt. Über die Jahre waren wir immer stolz, wenn wir über die wildgeborenen Babys in Emilys Herde berichten konnten: Emilys eigene Töchter Eve und Emma, Edies Nachwuchs Ella und Eden sowie kürzlich auch Sweet Sallys kleiner Safi und Icholtas Inca! Thoma, aber auch Mweya, Seraa und Ndara sind währenddessen sehr gute Kindermädchen für all diese Babys geworden und sind manchmal beschützender und fürsorglicher als die Mütter selbst.
Am 24. Oktober erreichte uns die Neuigkeit, dass Thoma ein unglaublich süßes Bullkalb zur Welt gebracht hatte, das wir Thor genannt haben. Sie zeigte es stolz den Keepern der Stallungen vor, die vorbeigekommen waren, um herauszufinden, wessen Nachwuchs da geboren wurde. Thor ist das 23. wildgeborene Kalb unserer Ex-Waisen, und jedes einzelne demonstriert eindrücklich den Erfolg des Waisenprojekts des DSWT. Und darüberhinaus zeigt es das Vertrauen und die Liebe, die unsere Ex-Waisen für ihre Keeper haben, die sie so nah an ihren kostbaren Nachwuchs heran lassen.
Glücklicherweise ist Emilys Herde während der Trockenzeit zusammen mit über 200 wilden Elefanten in einem Schutzgebiet geblieben, in dem es ausreichend Wasser und Futter gibt, trotz der überall sonst herrschenden dürreähnlichen Zustände. So konnten sie regelmäßig beobachtet und Thors erste Wochen gut dokumentiert werden. Er ist ein kleiner Wonneproppen, voller Energie und steht die ganze Zeit unter der Bewachung seiner hingebungsvollen Nannys Seraa, Ndara und Mweya, die hoffentlich auch bald eigene wilde Kälber bekommen werden! Thor ist in eine fürsorgliche Großfamilie hineingeboren worden, umgeben von viel Wärme und Liebe; und in den übrigen Babys der Herde, insbesondere Safi und Inca, hat er auch ein paar großartige Spielkameraden.
Samstag, 1. Oktober 2016
Sonje begann den Tag damit, nach den Babys zu schauen. Sie lud sie ein, mit ihr zu spielen, als sie sich auf den Boden legte und sich den Bauch kratzte. Sowohl Alamaya als auch Mwashoti machten gerne mit und hatten viel Spaß beim Spielen mit ihr. Murera stand währenddessen an der Seite und wartete darauf, dass die beiden Jungs sich ihr anschließen würden; es nützte aber nichts, denn Sonje hatte ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Später kam Lima Lima zu Alamaya, und er ging ihr entgegen, steckte seinen Rüssel in ihren Mund und flüsterte seiner Freundin etwas zu. Nachdem die beiden eine Weile gemauschelt hatten, wurden die Babys plötzlich von ein paar Büffeln aufgeschreckt, die ihren Weg kreuzten. Als sie alle aus dem Weg rannten, ging Alamaya verloren und niemand wusste, wo er war. Die Keeper riefen nach ihm und hörten ihn aus der Ferne trompetend antworten. Lima Lima und Zongoloni machten sich daran, ihn zu holen und wieder mit dem Rest der Waisen zu vereinen. Als er zurückkehrte, wurde er vom Rest der Gruppe mit ausführlichem Trompeten und Kollern begrüßt.
Samstag, 1. Oktober 2016
Der Morgen war wunderbar, und die Waisen kamen gutgelaunt aus ihren Gehegen. Sie tranken ihre Milchflaschen, bevor sie zum Frühstück gingen. Es war ein geschäftiger Tag, und die Waisen brachen an den Stallungen auf, sobald sie ihr Zusatzfutter gefressen hatten. Sie wollten am Morgen so viel grasen wie möglich, was sie auch taten, bis es Zeit für ihre Mittagsmilch war, die sie am nördlichen Fuß des Mazinga-Bergs bekamen. Panda leerte ihre Flasche und warf dann ein Auge auf Arabas Anteil. Araba versuchte gleich, Panda daran zu hindern, ihre Milch zu stehlen, und auch die Keeper griffen ein und sprachen Panda eine deutliche Warnung aus, damit sie Araba in Ruhe ihre Milch austrinken ließ.
Die Waisen gingen dann unter der Führung von Lentili und Naipoki zum mittleren Wasserloch. Dort blieben sie eine Weile, bevor sie in den umliegenden Ebenen weitergrasten. Eine halbe Stunde vor dem Aufbruch nach Hause trugen Tundani und Nelion ein verbissenes Kräftemessen aus. Es war einer der Kämpfe, bei dem die Rangfolge unter den Waisen ermittelt werden sollte. Danach folgten die beiden ihren Kollegen nach Hause.