Wie wir an dieser Stelle berichtet hatten, wurde durch die Regierung Tansanias im Jahr 2023 ein seit 1995 bestehendes Verbot der Trophäenjagd auf Elefanten in Nord-Tansania aufgehoben. Innerhalb weniger Monate fielen den Jägern fünf große Elefantenbullen zum Opfer, darunter Gilgil, der Sohn Goldas, einer Matriarchin der GB-Familie aus Amboseli.
Gilgil, das erste Opfer der wieder aufgenommenen Trophäenjagd in Nord-Tansania
Golda (zweite von rechts) wird ihren Sohn Gilgil nie wiedersehen
Das zweite Quartal 2025 begann für die Elefanten in Amboseli mit den besten Bedingungen, was der ungewöhnlich früh bereits im März gestarteten Regenzeit zu verdanken war, die sich mit ergiebigen Regenfällen im April und Mai fortsetzte. Amboseli verwandelte sich dadurch einmal mehr in ein üppig-grünes Paradies. Und passend dazu gab es einen enormen Anstieg an Geburten von Elefantenkälbern! Seit März hatte das Team des Amboseli Trust for Elephants (ATE) bereits 108 neue Babys entdeckt. Es ist auch für die langjährigen Mitarbeiterinnen des Trust eine besondere Zeit, wenn sie so einen Babyboom erleben dürfen – selbst wenn sie dieses Mal damit gerechnet hatten. Die Verluste durch die Dürre des Jahres 2022 hatten zur Folge gehabt, dass viele Elefantenkühe im Jahr 2023, während der nächsten Regenzeit, in den Östrus gekommen waren. Und deshalb gab es jetzt, 22 Monate später, die vielen neuen Elefantenbabys. Dabei war dies erst der Anfang! Vermutlich werden im Laufe des Jahres noch viele weitere Kälber zur Welt kommen.
Auch die HA-Familie hat ein neues Kalb
Die Feldforscherinnen des ATE hatten daher jetzt vor allem die schöne Aufgabe, die Elefantenfamilien nach neugeborenen Babys zu durchsuchen. Auch wenn viele Familien sich oft außerhalb des Parks aufhielten und manche, wie die FBs, überhaupt nicht gesehen wurden, so waren mehrere doch zumindest gelegentlich im Park anzutreffen, beispielsweise die AAs, EBs, GBs, HAs, KBs, LBs, PAs und ZCs. Auch Bullen konnten immer wieder entdeckt werden –wie Eloi oder Wellington.
Einigen Familien begegneten die Feldforschungsteams des ATE sogar regelmäßig – wie den AAs, die nach wie vor ein ziemlich standorttreues Verhalten zeigten. Vor allem Angelina hielt sich mit ihrer Gruppe oft in der Nähe des ATE-Camps auf, so dass ihr das Team oft auf dem Weg vom Camp in die Savanne und zurück begegnete. Im Mai sorgte sie allerdings einmal für eine Überraschung, als sie zusammen mit den SB-, YA- und JA2-Familien weit draußen im Westen des Parks entdeckt wurde. Diese anderen Familien sind im Gegensatz zu den AAs Stammgäste in diesem Teil des Parks, und Angelina überraschte das ATE-Team, als sie sich dominant verhielt und die anderen Familien verjagte. Elefanten sind grundsätzlich sehr soziale Tiere, die sich gerade auch in Zeiten mit gutem Nahrungsangebot gerne in großen Gruppen, bestehend aus mehreren Familien, zusammenschließen. Trotzdem ist Dominanz eine wichtiges Element in ihrem Sozialsystem, und die Rangordnung muss immer wieder einmal geklärt werden.
Angelina mit den AAs und vier weiteren Familien im Sumpf
Weibliche Elefanten bleiben in der Regel ihr Leben lang in ihrer Geburtsfamilie, wenngleich es auch Ausnahmen gibt, und neueren Erkenntnissen zufolge scheinen Freundschaften der Kitt zu sein, der die Gruppen zusammenhält. Da bei Elefanten Freundschaften im Laufe der Zeit meistens stärker werden, hat dies natürlicherweise zur Folge, dass zwischen den Mitgliedern einer Familie, die sich von Geburt an kennen, meistens besonders starke Freundschaften bestehen. Die Dominanz innerhalb wie außerhalb der Familien wird zwar durch Alter und Führungsqualitäten beeinflusst, bestimmt aber nicht den sozialen Zusammenhalt. So können Familien auch nach dem Verlust einer Matriarchin ihre Bindungen untereinander bewahren – auch wenn es natürlich Beispiele von zeitweiser oder dauerhafter Aufsplitterung gibt. Freundschaften und Dominanz bestimmen beide das Zusammenleben der Elefanten auf unterschiedliche Weise.
Was Amboseli einzigartig macht, ist die Möglichkeit, hier diese sozialen Veränderungen im Laufe der Zeit zu verfolgen. Doch dies ist nur möglich, weil ATE die hier lebenden Elefanten seit mehr als 50 Jahren beobachtet und dabei jedes einzelne Tier sowie seine Beziehungen zu den anderen Elefanten kennt. So wurden dauerhafte Familientrennungen, die Bildung von Bindungsgruppen und sogar seltene Fälle dokumentiert, in denen einzelne Elefanten sich nicht verwandten Familien angeschlossen haben. Außerdem zeigen die Daten aus den ATE-Forschungen deutlich, dass Elefantenkühe soziale Entscheidungen bewusst treffen – und nicht nur aus Instinkt. Ihre Treue gegenüber ihren Verwandten und Freunden, gepaart mit ihrer Flexibilität im Umgang mit Herausforderungen, zeigen, wie Elefantenfamilien sich anpassen, um zu überleben. Diese Erkenntnisse sind nicht nur faszinierend, sondern auch von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Maßnahmen, die dem Schutz der Elefanten in ganz Afrika dienen.
AA-Familienmitglieder, von links: Ann, Alfre mit Kalb und Abra
Ende Mai traf Angelina wieder auf den Rest der AAs, und man konnte die ganze Familie zusammen sehen: Angelina, Aurora B, Ava, Anghared, Ann, Abra und Althea zusammen mit ihren Kälbern. Sie wurden dabei beobachtet, wie sie gemeinsam in Richtung Sumpf wanderten und unterwegs miteinander interagierten. Dabei wurden sie von Wellington begleitet, einem 31-jährigen unabhängigen Bullen, der ursprünglich aus der WA-Familie stammte. Wellingtons Mutter war Willa, und er hat noch zwei lebende Geschwister, Winona und Willard. Wellington blieb den ganzen Juni über in der Nähe von Anghareds Gruppe, weidete mit ihnen und folgte ihren Wegen.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass unabhängige Bullen sich für gewisse Zeit mit weiblichen Gruppen zusammenschließen. Dadurch können sich Gelegenheiten für den Aufbau sozialer Bindungen, das Trainieren von Paarungsverhalten und ganz allgemein für die Entstehung von Kameradschaft ergeben – etwas, das für eine so soziale Spezies wie Elefanten enorm wichtig ist.
Eloi ist bereits ein imposanter Bulle
Für große Freude sorgte die Entdeckung, dass Ava und Akilina – Anghareds Tochter – je ein weibliches Kalb zur Welt gebracht hatten. Für Akilina war es sogar ihr erstes Kalb, wodurch Anghared nun auch erstmalig Großmutter wurde. Elefanten legen großen Wert auf ihre familiären Bindungen, und neugeborene Kälber werden oft von einem Netzwerk von Verwandten versorgt. Großmütter sind besonders fürsorglich und lassen ihre Enkelkinder sogar an ihrer Brust saugen, wenn sie selbst Milch haben.
Die EBs waren zunächst außerhalb des Parks unterwegs gewesen, kehrten aber im Juni zurück und verbrachten mehrere Tage in der Nähe des ATE-Camps. Für das Team war es wunderbar, sie wiederzusehen – Ebony, Enid, Elspeth, Echeri, Eugenie, Eleanor und Eliot –, wie sie sich zwischen den Palmen in der Nähe des Wegs zum Camp versammelt hatten. Noch aufregender war die Ankunft von vier neuen Kälbern. Enid hatte einen erst zehn Tage alten Jungen und ihre Tochter Elise einen zwei Wochen alten Sohn. Eleanor hatte ein etwa vier Wochen altes weibliches Kalb an ihrer Seite und Echeri, ein Mädchen, das etwa drei Wochen alt war, als es im Juni zum ersten Mal gesehen wurde. Dank dieser vier Neuzugänge wirkte die Familie lebhaft und gut gelaunt. Die Kälber waren verspielt und selbstbewusst und wurden von ihren aufmerksamen und erfahrenen Babysittern genau beobachtet.
Mit 43 Jahren hat Echos Tochter Enid die Führungsrolle, die einst ihre Mutter innehatte, vollständig übernommen. Sie erinnert die langjährigen Mitarbeiterinnen des ATE in vielerlei Hinsicht an Echo – in ihrer Entscheidungsfindung, ihrer Gelassenheit und ihrem Selbstvertrauen. Obwohl sie nicht die Älteste in der Familie ist, übernahm Enid nach Echos Tod die Führung. Eudora, jetzt 53, ist die älteste Kuh in der Gruppe, hat aber nie die gleiche Neigung zur Führung gezeigt. Die Langzeitforschung hat gezeigt, dass das Alter zwar ein entscheidender Faktor für die Führung bei Elefanten ist, doch auch Persönlichkeit und Erfahrung spielen eine wichtige Rolle spielen.
GBs mit spielenden Kälbern
Die GBs sind eine der größten Familien in Amboseli und hatten nun noch Zuwachs durch sieben neue Kälber erhalten, sechs männliche und ein weibliches. In Gails Gruppe hatten Gmail, Gamawa und Galileo männliche Kälber und in Goldas Gruppe Geeta, Ghost und Gatzamba ebenfalls Söhne und Geri als einzige eine Tochter. Geri ist zum ersten Mal Mutter geworden und eine Tochter von Graca, die 2014 verstorben ist. Geri war damals erst zwei Jahre alt, aber sie überlebte dank der Liebe und Unterstützung ihrer Großfamilie. Zum Glück für Geri lebt ihre Großmutter Georgia noch und gibt ihr die dringend benötigte Unterstützung auf ihrem Weg zur Mutterschaft.
Auch die KBs haben an der Freude über den aktuellen Babyboom teilgehabt, denn sowohl Kendall als auch Kigali hatten weibliche Kälber zur Welt gebracht. Besonders rührend war zu beobachten, wie aufmerksam die junge Kalybar sich um Kigalis Neugeborenes kümmerte. Als das ATE-Team sie zum ersten Mal sah, war Kalybars Verhalten so mütterlich – sie blieb in der Nähe, säugte das Kalb und folgte ihm ständig, so dass es zunächst aussah, als sei sie die Mutter. Erst später wurde das Kalb eindeutig mit Kigali beobachtet.
Derart fürsorgliche Kindermädchen sorgen gelegentlich zunächst für etwas Verwirrung. Wozu auch beiträgt, dass die neugeborenen Kälber tatsächlich oft eine starke Bindung zu diesen sogenannten „Allomüttern“ aufbauen.
Kendall von den KBs mit ihrem jüngsten Kalb
Sowohl die PC- als auch die PC2-Familie wurden in diesem Quartal gesichtet, und auch sie konnten neue Familienmitglieder begrüßen. Pink brachte Anfang April und Petula Ende Mai je ein männliches Kalb zur Welt. Pinks Kalb ist besonders selbstbewusst und aufgeschlossen. Einmal hat es sogar das Forschungsfahrzeug spielerisch angegriffen und bei einer anderen Gelegenheit Enids Kalb aus der EB-Familie umgestoßen. Beide Kälber spielten zunächst miteinander, aber die Aktion eskalierte und endete damit, dass Enids Kalb umgeworfen wurde. Pinks Kalb rannte dann frech auf das Forschungsfahrzeug zu, blieb aber abrupt stehen, vielleicht weil es merkte, dass es zu weit gegangen war – was das Forschungsteam zum Lachen brachte. Beide Mütter blieben währenddessen unbeeindruckt und ließen ihre Kälber ruhig spielen und interagieren. Ihre Toleranz spiegelt auch eine tief verwurzelte Vertrautheit mit dem Forschungsteam wider, da viele dieser Mütter die ATE-Fahrzeuge seit ihrer eigenen Kindheit kennen. Dieses Vertrauen wurde über Jahrzehnte hinweg durch ständige Präsenz und sorgfältige, ethische Beobachtungsmethoden aufgebaut. Dadurch erhielt ATE einen einzigartigen Zugang zur Welt der wilden Elefanten und konnte Kenntnisse über das Wesen, das Verhalten und die Bedürfnisse der Elefanten erlangen, die unser Wissen über Elefanten enorm bereichert haben und die wesentliche Voraussetzungen sind, um das Überleben in der Wildnis sicherzustellen.
Diese Zeit des Überflusses steht in krassem Gegensatz zu den Herausforderungen, denen Elefanten in ganz Afrika gegenüberstehen: Wilderei, Konflikte mit Menschen und der Verlust ihres Lebensraums bedrohen weiterhin akut ihr Überleben. Selbst in Amboseli hatte der Übergang von traditioneller Viehzucht zu Ackerbau außerhalb des Parks zu einer Zunahme an Konflikten zwischen Menschen und Elefanten geführt. Das ATE-Team unternimmt gemeinsam mit seinen Partnern alles in seiner Macht Stehende, um Lösungen für diese Probleme zu entwickeln und den Elefanten einen Lebensraum zu sichern, in dem sie frei und sicher leben können. Diese Arbeit ist alles andere als einfach, aber Aufgeben kommt für Cynthia Moss und ihr Team nicht in Frage!
Die LB-Familie im Sumpf
Zu den vielfältigen Aktionen, die das ATE-Team aus diesem Grund durchführte oder unterstützte gehörten eine neue Info-Kampagne für richtiges Verhalten gegenüber Elefanten. Dabei wird mit den Ältesten der Massai zusammengearbeitet, um deren traditionelles Wissen mit neuesten Forschungsergebnissen zu verbinden und dadurch effektive und leicht umsetzbare Verhaltensweisen zu entwickeln, die Menschen helfen bei Begegnungen mit Elefanten Konflikte zu vermeiden. Dies ist umso wichtiger, als Umfragen gezeigt haben, dass im Laufe der Zeit viele traditionelle Kenntnisse verloren gegangen sind.
Im März und Mai unterstützte der ATE 40 Gemeindemitglieder aus dem gesamten Amboseli-Ökosystem, um an dem Workshop „Trainer of Trainers” der Organisation Save the Elephants (STE) teilnehmen zu können. Hier ging es darum, die von STE entwickelte „Toolbox für die Koexistenz von Menschen und Elefanten” kennenzulernen. Einen Schwerpunkt bildete die Vermittlung von Methoden, um Felder auf gewaltfreie Weise vor Elefanten zu schützen. Denn es ist klar: Der Schutz von Farmen ist ein wichtiges Anliegen, das man ernst nehmen muss, wenn man das Überleben der Elefanten sicherstellen will.
Auch die ZC-Familie ist zurückgekehrt
Der ATE und seine Partner leisten unverzichtbare, wertvolle Arbeit, um im Amboseli-Ökosystem ein friedliches Zusammenleben zwischen Elefanten und Menschen sicherzustellen. Wir sind dem gesamten Team sehr dankbar für ihr großartiges, nicht immer leichtes, Engagement und freuen uns, sie auf ihrem Weg zu unterstützen.
Februar und März sind gewöhnlich die heißesten Monate des Jahres in Amboseli und bilden zusammen mit dem Januar die sogenannte kleine Trockenzeit. Bis Anfang März entsprachen auch dieses Jahr die Verhältnisse den üblichen Bedingungen. Allerdings war die vorherige Regenzeit so ergiebig gewesen, dass es noch immer ein ziemlich gutes Angebot an Wasser und Vegetation gab. Und dann setzte bereits während der ersten März-Wochen ungewöhnlich früh die nächste Regenzeit ein. Sie brachte viele Niederschläge und darunter sogar einige ungewöhnlich schwere Stürme, die in Teilen des Amboseli-Nationalparks Überschwemmungen verursachten. Der Regen bewirkte in kürzester Zeit eine wunderbare Veränderung der Landschaft: Überall zeigte sich frische, grüne Vegetation, viele temporäre Wasserstellen entstanden, und der Kilimanjaro erhielt eine leuchtende, frische Schneedecke auf seinem Gipfel. Während der Regenpausen präsentierte sich der „weiße“ Berg vor einer üppigen, grünen Landschaft – ein wirklich atemberaubender Anblick! Sogar das Team des Amboseli Trust for Elephants (ATE), dessen Mitglieder teilweise schon seit Jahrzehnten in Amboseli arbeiten, ist von diesem Bild immer wieder aufs Neue begeistert.
Angelina und ihre Familie vor dem Kilimanjaro
Sobald im März die Regenfälle einsetzten, verließen – wie üblich – die meisten Elefanten und viele andere Tiere den Park. Im Zentrum, wo die Sümpfe liegen und wo sich noch vor kurzem unzählige Tiere auf der Suche nach Wasser und Nahrung versammelt hatten, wirkte die Landschaft fast wie „leergefegt“. Abgesehen von den dauerhaft hier lebenden Flusspferden und verschiedenen Vögeln gab es nur wenige Tiere zu sehen. Die meisten Zebras, Giraffen und Antilopen waren jetzt außerhalb der Parkgrenzen unterwegs, und ein Großteil der Elefanten folgte ihrem Beispiel, darunter die EB-Familie mit ihrer Matriarchin Enid.
Ein Teil der Elefanten blieb allerdings weiter im Park, Familien ebenso wie Bullen. Doch egal , ob innerhalb oder außerhalb der Parkgrenzen, ein Verhalten konnte überall beobachtet werden: Die Elefanten versammelten sich in großen Herden, die aus mehreren Familien und unabhängigen Bullen bestanden, und zogen gemeinsam über die Savanne. Es gibt kaum ein besseres Beispiel für den sozialen Charakter dieser Tiere mit ihrem ausgeprägten Bedürfnis bzw. ihrer Fähigkeit Freundschaften zu schließen – auch mit Angehörigen anderer Familien. Gerade jetzt, wo es überall Nahrung und Wasser im Überfluss gab und es ihnen ein Leichts gewesen wäre sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, machten sie gerade das Gegenteil und schlossen sich in großen Herden zusammen.
Die Elefanten versammeln sich während der Regenzeit oft in großen HerdenDie Elefanten trinken gerne das Regenwasser, das sich auf dem Weg gesammelt hat
Tatsächlich ist die Fähigkeit der Elefanten, vielfältige freundschaftliche Beziehungen aufzubauen, eine ihrer bemerkenswertesten Eigenschaften. Manchmal führt dies sogar dazu, dass Elefanten ihre Geburtsfamilie verlassen, um sich dauerhaft einer anderen Familie anzuschließen. In Amboseli ist dies beispielsweise bei Winona und ihrer Tochter Wilder der Fall, die in die WA-Familie geboren wurden und heute mit der MA-Familie leben. Dabei pflegen sie weiterhin enge Beziehungen zu den WAs, wie auch die MA- und WA-Familien generell eng befreundet sind. Natürlich sind Beispiele wie die von Winona und Wilder Einzelfälle, doch sie zeigen, wozu Elefanten unter bestimmten Voraussetzungen in der Lage sind.
Vor allem nahe der östlichen und westlichen Parkgrenzen konnte man große Herden finden. Es ist ein atemberaubender Anblick, wenn man hundert oder mehr Elefanten, darunter Kühe mit und ohne Kälber, junge und alte Bullen, zusammen sieht. Sie genießen die Gesellschaft ihrer Freunde und die guten Zeiten.
Freshet von der FA-Familie
Unter den Elefantenverbänden im östlichen Teil Amboselis wurden u.a. mehrfach Angehörige der FBs und GBs entdeckt. Die GBs sind eine der größten Familien Amboselis und teilen sich oft in zwei Gruppen. Eine wird von Gail und die andere von Golda geführt. Gails Gruppe konnte nur einmal gesichtet werden, doch Goldas Familienzweig war öfter zu sehen.
Golda gehört zu den eindrucksvollsten Matriarchinen Amboselis. Obwohl sie nicht besonders groß ist und nur einen Stoßzahn besitzt, wird sie von ihrer Familie bedingungslos respektiert, da alle ihre Erfahrung, Weisheit und Loyalität sowie ihren besonders sanften Charakter schätzen.
Golda (Mitte), die Matriarchin der GBs
Unter den großen Elefanten-Versammlungen im Westen Amboselis konnte man oft Mitglieder der AA-Familie, vor allem Angelina, Abra, Annan, Artemis und Arden mit ihren Kälbern sowie der IA/IC-Familie finden.
Angelina gehört zu den Berühmtheiten Amboselis – einerseits wegen ihres nach hinten gewachsenen linken Stoßzahns, an dem sie leicht zu erkennen ist, und andererseits wegen der Zwillingskälber, die sie im Jahr 2020 zur Welt gebracht hatte. Leider überlebte das männliche Kalb nicht, doch seine Schwester hat es geschafft und freut sich inzwischen über einen neuen kleinen Bruder, der Ende 2023 zu Welt gekommen war. Angelina verdient aber auch aus einem anderem Grund Beachtung: Als 2016 ihre Schwester Amber starb adoptierte sie deren erst einjährige Tochter Aurora-B und sicherte dadurch ihr Überleben.
Angelina (rechts) und ihre Tochter AmoraAngelina (rechts) und ihre Töchter Amora (mitte) und AspenAngelina und ihre Familie
Eine weitere bemerkenswerte Persönlichkeit der AA-Familie ist Annan, die Tochter der früheren Matriarchin Astrid. Wie ihre Mutter besitzt Annan einen sanften und ruhigen Charakter. Da sie Astrids einzige überlebende Tochter war, bestand zwischen den beiden eine besonders enge Bindung. Als Astrid Ende 2022 oder Anfang 2023 starb, trauerte Annan sehr um sie. Man konnte sehen, wie ihr dies auch physisch zusetzte, denn sie magerte stark ab – obwohl zwischenzeitlich wieder eine Regenzeit begonnen hatte und das Nahrungsangebot gut gewesen war. Erst sehr langsam schien sie sich von dem Verlust zu erholen. Jetzt aber sah sie endlich wieder richtig gut aus und hatte offensichtlich wieder ins Leben zurückgefunden. Sicher ist dies auch den anderen Mitgliedern ihrer Familie zu verdanken, die sie nicht allein gelassen haben und ihr Trost und Zuneigung spendeten.
Annan hat sich wieder gut erholtAnnan und ihr KalbAnnan führt eine Gruppe der AAs durch die Savanne
Im Westen waren auch einige sehr große Bullen zu sehen – vor allem Esau aus der EB-Familie und Pascal von den PAs. Esau gehört zu den eindrucksvollsten Big Tuskern Amboselis. Er wandert oft über die Grenze nach Tansania, wo die Trophäenjagd leider noch immer nicht endgültig und sicher beendet ist, auch wenn derzeit für den nördlichen Landesteil keine Abschussquoten bekanntgegeben sind, Deshalb macht man sich beim Amboseli Trust for Elephants (ATE) oft sehr große Sorgen um ihn. Als er vor einigen Monaten wegen einer Verletzung, die er sich bei einer Auseinandersetzung mit einem anderen Bullen zugezogen hatte, tierärztlich behandelt werden musste, erhielt er daher auch ein Senderhalsband. Dieses sollte ihm einen gewissen Schutz bieten, da die Trophäenjäger in Tansania normalerweise zumindest keine Tiere mit Sendern töten.
Esau, einer der größten Bullen in AmboseliEsau an einer kleinen Wasserstelle
Pascal ist noch etwas jünger als Esau, doch bereits sein jetziges Erscheinungsbild ist eindrucksvoll und lässt hoffen, dass er in einigen Jahren ebenfalls zu einem der ganz großen Stoßzahnträger werden wird. Man kann ihn übrigens sehr leicht an seinem ständig nach vorne geklappten rechten Ohr erkennen – möglicherweise die Folge einer Verletzung, die ihn aber nicht weiter behindert. Pascal befand sich gerade in der Musth und wanderte viel zwischen den Elefantenherden umher –immer auf der Suche nach paarungsbereiten Kühen.
Pascal ist in Musth
Esau verfolgte ähnliche Ziele und testete viele Male, ob sich diese oder jene Kuh gerade im Östrus befand. Doch leider waren weder Esau noch Pascal auf der Suche nach einer paarungsbereiten Kuh erfolgreich! Während der Dürre des Jahres 2022 war keine Kuh in den Östrus gekommen. Doch viele hatten leider ihre Kälber verloren. Sie alle kamen dann mit Beginn der Regenzeit 2023 in den Östrus, was zur Folge hatte, dass jetzt gerade viele Kühe schwanger waren und es daher kaum Paarungsmöglichkeiten für Bullen gab. Doch diese Chance hatten sie dafür bereits vor zwei Jahren viele Male gehabt.
Amora erhält Besuch von Esau, der prüft, ob sie sich im Östrus befindetVon links: Angelina, ihre Tochter Amora, ihr jüngstes Kalb und Esau
Die Elefanten in Amboseli erlebten also im Februar und März eine wirklich großartige Zeit. Wir wünschen ihnen, dass diese noch lange fortbesteht. Zumindest sollte durch die reichen Niederschläge gewährleistet sein, dass auch die nächste Trockenzeit gut überbrückt werden kann. Und dann wird hoffentlich auch die nächste Regenzeit rechtzeitig beginnen und für ein erneutes reiches Angebot an Wasser und Nahrung sorgen.
Mageno ist ein bemerkenswerter kleiner Bulle. Obwohl er noch relativ jung ist, hat er schon eine schlimme Dürre hinter sich und ist schon so etwas wie ein großer Bruder für zwei kleine Elefantenmädchen geworden.
Seine Rettungsgeschichte begann am Morgen des 15. Juni 2022. Bei einer Routine-Patrouille von Wildlife Works im Taita-Gebiet, das im Übergang der Nationalparks Tsavo East und Tsavo West in Kenia liegt, erspähte Pilot Keith Hellyer ein zusammengebrochenes Elefantenbaby. Es sah erbärmlich aus, wie es ganz allein in der endlosen, ausgetrockneten Landschaft lag. Von der Luft aus waren weit und breit keine Herden in der Gegend zu sehen, es musste sich also um ein verlassenes Waisenkalb handeln.
Amboseli war zum Jahreswechsel 2024/2025 besonders schön, da es ergiebige Regenfälle gegeben hatte, die ein üppiges Pflanzenwachstum zur Folge hatten. Insgesamt waren im Dezember 80 mm Regen gefallen und im Januar dann weitere 44 mm. Die Niederschläge und die Vegetation kamen sowohl den Wildtieren als auch dem Vieh der benachbarten Bevölkerung zugute, die sich einen Großteil des Amboseli-Ökosystems teilen. Regenreiche Zeiten sind für die Schutzbemühungen immer eine große Erleichterung, da die Konkurrenz zwischen Vieh und Wildtieren dann stark abnimmt und Konflikte sich deutlich reduzieren. In der Zeit des Jahreswechsels versammelten sich die Elefanten von Amboseli in großen Gruppen, um ihre sozialen Kontakte und Beziehungen zu erneuern, Informationen auszutauschen und einfach die gemeinsame Zeit zu genießen. Elefanten sind hochsoziale Tiere, die oft eine Vielzahl von Freundschaften pflegen, welche sich keineswegs auf die Mitglieder der eigenen Familie beschränken, sondern auch Angehörige benachbarter Gruppen mit einbeziehen.
Enid, die Matriarchin der EBs
Wie immer in Zeiten reicher Regenfälle hatten viele Familien und unabhängige Bullen den Park verlassen, um außerhalb liegende Gebiete zu nutzen. Es gab aber auch Familiengruppen, welche lieber die meiste Zeit innerhalb der Parkgrenzen blieben, beispielsweise die AAs und PCs, und wieder andere, welche regelmäßig zwischen den innerhalb und außerhalb liegenden Weidegründen hin- und herpendelten, darunter die KBs.
Die AA-Familie hatte sich während der letzten Monaten gut entwickelt. Sie hielten sich häufig im Zentrum des Parks auf und kamen oft sogar in die Nähe des Camps vom Amboseli Trust for Elephants (ATE). Angelina und Abra waren oft zusammen unterwegs, begleitet von ihren Kälbern, die ein ähnliches Alter haben. Trotz der unterschiedlichen Geschlechter sind die beiden Kälber in diesem frühen Alter noch hervorragende Spielkameraden. Erst später tendieren männliche und weibliche Kälber zu etwas unterschiedlichem Spielverhalten.
Elise, die Tochter Enids
Mehrere Familien durften sich über neuen Familienzuwachs freuen: So brachte beispielsweise im Dezember Garamba von den GBs ein weibliches Kalb zur Welt und Flossie von den FBs im Januar ein männliches. Für Flossie, mit 42 Jahren die älteste Kuh ihrer Familie, ist es bereits das achte Kalb, doch haben die zuvor geborenen sieben leider alle nicht überlebt. Die meisten ihrer Kälber starben während der Dürreperioden, was daran erinnert, wie raue Umweltbedingungen das Leben der Elefantenfamilien beeinträchtigen können.
Auch für Garamba war die Geburt ihres neuesten Kalbs etwas ganz Besonderes, da sie ihre letzten drei Kälber durch Dürreperioden verloren hat und nur Gakuo, geboren 2011, noch lebt. Da die derzeitigen klimatischen Bedingungen günstig sind, ist das ATE-Team zuversichtlich, dass der jüngste Zuwachs gut gedeihen wird.
Echo (rechts), die ehemalige Matriarchin der EBs, mit ihren Töchtern Erin (Mitte) und Enid (links)
Von den EBs bekam das ATE-Team nur den Teil, der von Enid geführt wird, zu sehen – und auch das nur dreimal im Dezember. Enid, inzwischen 43 Jahre alt, führt das Erbe ihrer Mutter, der berühmten Matriarchin Echo, fort. Während die EBs unter Echos Führung einst zu den größten Familien in Amboseli gehörten, spalteten sie sich nach Echos Tod in drei Gruppen auf – ein Beleg dafür, wie tiefgreifend sich der Tod einer Matriarchin auf die Struktur einer Elefantenfamilie auswirken k.
Im Fall der EBs haben sich über die Jahrzehnte auch ihre Bewegungsmuster stark verändert. Zu Echos Zeiten blieben sie fast das gesamte Jahr innerhalb des Parks und verließen diesen meistens nur einmal im August, um bis zum Kilimanjaro im benachbarten Tansania zu ziehen. Inzwischen sind die EBs viel häufiger außerhalb der Parkgrenzen unterwegs. Dies zeigt, wie Führungswechsel, veränderte Umweltbedingungen und die menschliche Entwicklung das Verhalten von Elefantenfamilien stark beeinflussen können.
Enid
Die Rolle der Matriarchin bei der Entscheidungsfindung wird durch ihre Erfahrung, die Familiengröße, den Reproduktionsstatus und die Verfügbarkeit von Ressourcen bestimmt. Da erfreulicherweise immer mehr zusätzliche Schutzgebiete außerhalb des Nationalparks entstanden sind, ist es gut möglich, dass die EBs neue Weidegründe gefunden haben, die ihnen zusagen. Da der Amboseli-Nationalpark relativ klein ist, waren die Elefanten schon immer darauf angewiesen auch außerhalb nach Nahrung zu suchen. Mit dem Wachsen der menschlichen Bevölkerung wurde dies zunehmend schwieriger. Doch intensive Bemühungen verschiedener NGOs und die Bereitschaft der benachbarten Gemeinden zur Kooperation mit ihnen ermöglichten es den Elefanten und anderen Wildtieren weiterhin, den dringend benötigten Lebensraum zu sichern, in dem neue Schutzgebiete geschaffen und Wanderkorridore offengehalten wurden.
Die Bewegungsmuster werden nicht nur von den Vorlieben der Matriarchin bestimmt. Andere Faktoren wie Niederschlagsmengen, Nahrungsverfügbarkeit und die Präsenz menschlicher Aktivitäten spielen eine wichtige Rolle. In den Gebieten um die Parkgrenzen, die häufig von Maasai-Hirten genutzt werden, wurde in jüngerer Zeit viel gebaut: Häuser, Schulen und Farmen. All das kann die Wahl der Familien beeinflussen. Enids Entscheidung, ihren Teil der Familie weg von den zentralen Amboseli-Sümpfen zu führen, könnte eine Reaktion auf die zahlreichen Veränderungen sein, von denen das Amboseli-Ökosystem im Laufe der Jahre betroffen war.
Enid
Das Wissen, das von Echo an Enid und ihre Verwandten weitergegeben wurde, unterstreicht die Bedeutung der Matriarchinnen für die Gestaltung des Familienverhaltens. Während Enid ihre Familie durch eine sich verändernde Landschaft führt, werden ihre Entscheidungen einen bleibenden Einfluss auf künftige Generationen haben und uns an die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Elefanten in Amboseli erinnern.