(übersetzt aus dem englischen Bericht des Sheldrick Wildlife Trust; alle Bilder © Sheldrick Wildlife Trust)
Die kleine Serenget hat eine echte Tortur hinter sich. Ein Schuss ins Bein — vermutlich ein typischer Fall von Mensch-Wildtier-Konflikt — ließ bei ihr eine schreckliche Verletzung zurück, die fast ein Jahr brauchte, um zu heilen.
Der LKW mit dem Wassertank aus Voi war unterwegs, um Wasser zum Anti-Wilderei-Team von SWT und Kenya Wildlife Service (KWS) am Lake Jipe zu liefern, als der Fahrer etwas aus dem Augenwinkel bemerkte: ein kleines Elefantenbaby saß zusammengekauert unter einem Baum. Ihm war gleich klar, dass hier etwas nicht stimmte, und so alarmierte er direkt das Hauptquartier des SWT in Kaluku, das ein Team zu der Stelle schickte.
Dieses fand ein abgemagertes und verängstigtes Elefantenkalb vor, das ganz offensichtlich schon eine ganze Weile auf sich allein gestellt gewesen war. Als die Mitarbeiter genauer nachschauten, entdeckten sie noch Schlimmeres: Das kleine Elefanten-Mädchen konnte kaum laufen — kaum war sie ein paar Meter gehumpelt, hatte sie offenbar so große Schmerzen, dass sie sich wieder ausruhen musste. Der Grund war offensichtlich: eine festsitzende Gewehrkugel, tief in einer Wunde an einem Gelenk am Vorderbein!
Dies war nicht der erste kleine Elefant, der Hilfe solcher Art brauchte. Fünf Monate zuvor war schon Chapeyu der erste Patient im „Voi-Krankenhaus“ geworden. Wie auch Serenget war er aus dem südlichen Tsavo mit einer schweren Verletzung am Bein gerettet worden und brauchte einen Platz, an dem er sich in Ruhe erholen konnte. Die Auswilderungsstation in Voi eignete sich sehr gut, denn dort war er in Gesellschaft älterer Elefanten und direkt neben dem Voi-Hauptquartier der mobilen Tierarzteinheit von SWT und KWS.





Nachdem der Tierarzt die kleine Serenget untersucht hatte, war klar, dass es lange dauern und etliche Behandlungen erfordern würde, bis sie wieder gesund werden würde. Der KWS gab grünes Licht für eine Rettung, und so wurde sie nach Voi gebracht. Das Krankenhaus nahm eine neue Patientin auf!
Die erste Nacht schlief sie sehr gut dort. Man hätte erwarten können, dass sie panische Angst vor Menschen hätte, aber offenbar verstand sie, dass diese Leute es gut mit ihr meinten und schien erleichtert zu sein, dass sich jemand um sie kümmerte. Ihre neuen Nachbarn im Gehege, Rokka, Sileita, Sholumai, Mushuru und Busara, begrüßten das kleine Mädchen mit freundlichem Rüsseltätscheln.
Eine Woche nach ihrer Rettung wurde Serenget wieder behandelt. Tierarzt Dr. Lima gab eine zurückhaltende Prognose ab, angesichts der Schwere ihrer Verletzung. Sie sollte erst einmal in ihrem Gehege bleiben, damit das Bein genug Zeit zur Heilung bekommen konnte, ohne dass es zu sehr belastet würde.
So bekam Serenget erst einmal „Bettruhe“ verordnet — doch die Keeper des SWT gaben sich alle Mühe, ihr die Zeit so erträglich wie möglich zu machen! Sie bekam ein gemütliches Bett aus viel Heu und frisch geschnittenes Grün an jedem Holzpfeiler ihres Geheges.
Und sie war wirklich eine vorbildliche Patientin. Wie auch schon Chapeyu schien sie einfach nur glücklich zu sein, ihr eigenes Plätzchen zu haben, an dem sie sich sicher fühlen konnte. Nach und nach kam die kleine Elefantendame, nachdem sie sich zuerst ganz in der Ecke versteckt hatte, den Keepern nahe, wenn diese ihr Gehege betraten. Bald streckte sie ihren Rüssel nach ihnen aus, und schließlich traute sie sich auch, neben ihnen stehenzubleiben.





So wurde Serenget bald zum Liebling aller Keeper. Im Lauf des Tages fand jeder einmal einen Grund, an ihrem Gehege vorbei zu gehen, ihr ein paar aufmunternde Worte zuzurufen und ihr einmal in den Rüssel zu pusten, was Elefantenkälber besonders gern mögen. Auch wenn sie anfangs sehr zurückhaltend war, erwies sich Serenget bald als sehr gesellig und begrüßte alle, die sie kannte, freundlich mit ihrem Rüssel.
Eine Sache verkomplizierte allerdings die Situation. Obwohl sie in einem Alter gerettet worden war, in dem sie noch bei ihrer Mutter gesäugt hätte, zeigte sie keinerlei Interesse an der Milch, die die Keeper ihr brachten. Sie versuchten es auf verschiedenste Weise — per Flasche, aus einem Eimer, mit unterschiedlichen Mischungen —, aber Serenget weigerte sich beharrlich, die Milch zu trinken. Da sie sich in ihrer neuen Umgebung noch nicht auskannte, trauten sich die Keeper noch nicht so recht, mit ihr hinaus in den Busch zu gehen, solange sie sie noch nicht mit Milch herbei locken konnten.
Anfang des neuen Jahres erklärte Dr. Limo, dass die Wunde nun verheilt ist, und endlich fand sich auch eine Lösung für das Milch-Problem: Ein Keeper musste ihr etwas Milch vorn in den Rüssel tröpfeln lassen, und Serenget machte sich bemerkbar, wenn der Rüssel voll war — dann steckte sie ihn sich in den Mund! So gelang es schließlich nach vielen kleinen Fortschritten, ihr beizubringen, zwei ganze Flaschen zu trinken.
Nachdem dieses Problem ausgeräumt war und Dr. Limo grünes Licht gegeben hatte, war es endlich soweit, dass Serenget sich ihrer neuen Familie draußen im Busch anschließen konnte. Am Morgen des 5. Februar 2026 wurde sie aus ihrem Gehege gelassen und von Lemeki und Thamana in Empfang genommen. Die beiden ältesten unter den Waisen in Voi legten ihr die Rüssel auf Kopf und Rücken und machten sie mit allen Mitgliedern der Herde bekannt.




Serenget verbrachte dann den ganzen Tag mit der Herde draußen im Busch. Die Nesthäkchen Busara, Baraka und Losoito merkten sofort, dass Serenget jetzt die jüngste der Herde war — und waren gar nicht begeistert von dieser Tatsache! Aber als sie anfangen wollten, herumzuschubsen, schritt Nachwuchs-Leitkuh Lemeki sofort ein und beschützte den Neuling.
Von diesem Tag an war Serenget fester Bestandteil der Waisenherde. Am Anfang fühlte sie sich noch am Rand des Schlammlochs oder des Staubbads am wohlsten, von wo aus sie die Bade-Asse bewunderte. Nach einem Monat fing sie dann sogar selbst an, mit im Schlammbad herumzutoben!

Die älteren Mädchen sind natürlich hin und weg von Serenget, aber Rokka hat sich ihr ganz besonders angenommen. Sie holt ihren Schützling morgens als erstes ab und verbringt dann den ganzen Tag damit, um sie herumzuscharwenzeln, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und gibt gut acht, dass sie nicht geschubst wird. Aber auch an ihren Keepern hängt Serenget inzwischen sehr,; meistens ist sie nicht weit entfernt von ihnen zu finden.
Nach sieben Monaten Bettruhe ist Serenget jetzt ein vollwertiges Mitglied der Herde von Voi geworden. Sie musste schon einiges mitmachen in ihrem Leben — aber jetzt fängt es erst so richtig an.
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